Den Ärmsten eine Zuflucht geben

Den Ärmsten eine Zuflucht geben

Die Albert-Schweitzer-Schule in Klein Borstel unterstützt seit einigen Jahren das Projekt „Vulamasango“. Es bedeutet: Offene Tore. Wie einst Albert Schweitzer zog es auch den Gründer dieses Projekts, Florian Krämer, auf den afrikanischen Kontinent. Nach mehreren langen Reisen quer durch Afrika beschloss er, ein Zeichen gegen Armut und Gewalt zu setzen und im südafrikanischen Kapstadt ein Waisenhaus sowie einen Ort der Sicherheit und Zuflucht mit offenen Toren zu gründen – für Kinder und Jugendliche aus den umliegenden Townships.

Vulingoma ist ein Ausdruck aus der Sprache der Bewohner Kapstadts und bedeutet „ein neues Lied anstimmen“. Genau dies ist es, was die Jugendlichen aus dem Entwicklungsprojekt Vulamasango tun. Sie singen im Jugendchor mit dem Namen „Vulingoma“. Und dieser war jetzt im Rahmen seiner Europa-Tournee auch wieder in der Aula der Albert-Schweitzer-Schule zu Gast. Sie gaben ein Konzert der ganz besonderen Art, geprägt von tiefsten Emotionen, Freude, Hoffnung, Unterhaltung und einem sehr  persönlichen Bezug zu den Schicksalen der jungen Darsteller auf der Bühne. Geleitet von Lusanda Bali, Akhona (Pinky) Stuurman und Florian Krämer, treten Jugendliche aus dem Projekt seit 2006 alle zwei Jahre europaweit auf. Anhaltende Ovationen und gerührte Zuschauer sind an der Tagesordnung. Mit ihrer Bühnendarstellung singen, tanzen und trommeln sich die Kinder von Vulingoma mit Gospelsongs, Apartheidsliedern, alten afrikanischen Volksliedern und modernem, afrikanischem Pop in die Herzen der Menschen. Da die Kinder meist schwere Schicksale hinter sich haben, ist es umso erstaunlicher, mit welcher Kraft und Energie sie auf der Bühne stehen, um durch Musik und Tanz beinahe therapeutische Arbeit an sich selbst zu leisten und zu beweisen, dass auch die schlimmsten Erlebnisse überwältigt und in etwas Positives verwandelt werden können. Verarmt, verwaist, missbraucht, und vernachlässigt, kämpfen sie für eine gerechtere Welt in der sie geliebt und geschätzt werden, in der sie als stolze und würdevolle Menschen aufwachsen, in der sie Bildung erhalten und einer hoffnungsvolleren Zukunft entgegen blicken dürfen. Das Projekt Vulamasango gibt ihnen wieder diese Hoffnung und einen Ort der Zuflucht. Zwischendurch berichtet Florian Krämer in einem eindrücklichen Lichtbildvortrag von den durch Aids und Kriminalität geprägten Schicksalen der Kinder, von seinem jahrelangen Kampf gegen Südafrikas katastrophale Bildungs- und Aidspolitik und von der hoffnungsvollen Arbeit in seinem Projekt. Ziel ist es, ein Zuhause für 100 bedürftigte junge Menschen zu schaffen, die dort in familienähnlichen Strukturen leben oder täglich den Kinderhort besuchen können. Die Kinder, die den Hort und den Kindergarten besuchen, sind meist Halb- oder Vollwaisen, haben aber noch eine Unterkunft bei ihren Müttern, Verwandten oder Nachbarn. Oft kommen sie aber aus sozial schwierigen Verhältnissen und sind Dingen wie Armut, Gewalt, Missbrauch und Vergewaltigungen ausgesetzt. Der Hort bietet ihnen nicht nur Sicherheit vor den Gefahren der Townships, sondern auch Bildung, Hausaufgabenbetreuung, Lesegruppen, Sport und Akrobatik. In Zusammenarbeit mit regionalen Künstlern gibt es Workshops in den Bereichen bildende Künste, Musik, Tanz und Theater. Zusätzlich erhalten die Jugendlichen Aufklärung zu Themen wie Aids, Sexualität, Frauenrechte, kultureller Identität und ein therapeutisches Angebot, um ihre oft tiefgreifenden Traumata zu verarbeiten. Ins Waisenhaus aufgenommen werden Kinder im Alter zwischen 0 bis 16 Jahren,unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe,Religionszugehörigkeit oder ethnischer Herkunft. Die Kinder leben in Gruppen von maximal zehn Kindern in Hausgemeinschaften mit je zwei Hauseltern zusammen. In dieser Gemeinschaft wird der Tagesablauf nach dem Prinzip einer Familie gemeinsam gestaltet. Parallel wird dafür gesorgt, dass die Kinder eine Schulausbildung erhalten. Nach dem Schulabschluss soll den Kindern eine Berufsorientierung in Form von Ausbildungs- und Praktikumsplätzen vermittelt werden, so dass  eine Integration in eine eigenverantwortliche Lebensgestaltung ermöglicht wird. Dazu zählen externe Ausbildungsplätze oder ein Studium wie auch projektintern im Rahmen der Farmwirtschaft sowie in sozialen- und pädagogischen Bereichen: Schreinerwerkstatt, Landwirtschaft, sozialer Bereich, Computer- und IT). Viele der politischen und sozialen Veränderungen im neuen, demokratischen Südafrika sind äußerst positiv und haben es zu einem Land gemacht, welches weltweit für seine multikulturelle und dynamische Gesellschaft und die Fähigkeit, seine schwere Vergangenheit auf positive Weise zu bewältigen, bewundert und anerkannt wird. Zeitgleich entwickelt sich aber auch eine Krise enormen Ausmaßes: Die Zahl derer, die mit der Aids-Epidemie in Berührung kommen oder ihr zum Opfer fallen, wächst beständig. Die Folgen der Krise haben jedoch nicht nur Auswirkungen auf Politik und Wirtschaft, sondern führen zu einer menschlichen Tragödie für hunderttausende von Kindern, die durch Armut, Krankheit oder Aids oft sehr jung verwaist sind und sich selbst überlassen werden. Sie sind Teil einer Generation, welche ohne das gesellschaftliche und kulturelle Erbe ihrer Eltern aufwächst. Das Projekt Vulamasango wird getragen vom Verein Positiv Leben e.V., der 2003 von Florian Krämer ins Leben gerufen wurde. Wer helfen möchte, kann dies mit Spenden auf das Konto: Positiv Leben e.V. bei der GLS Bank IBAN: DE94430609677031290700. Wer mehr über das Projekt erfahren möchte, kann sich im Internet unter www.vulamasango.org schlau machen.

Text: Eva Drechsler-Györkös. Fotos: Vulamasango, Eva Drechsler-Györkös, Ilka Mamero