Parva Ahmadi arbeitet in Klein Borstel. Wer gelegentlich die Dienste der Postagentur am Tornberg in Anspruch nimmt, ist ihr sicher schon einmal begegnet. Für den Klein Borsteler hat sie ihre Gedanken zusammengefasst, die die nach der philosophischen Gesprächsrunde hatte, die unlängst in der Kapelle 6 stattfand:
„Die Gesprächsrunde befasste sich mit dem Thema „Heimat“. Es war eine sehr beeindruckende Diskussion für mich. Durch die Gespräche, die die bedachtsamen und eifrigen Teilnehmer hatten, kamen mir viele Gedanken in den Sinn, auch viele Fragen. Was bedeutet eigentlich Heimat? Die Definition von Heimat ist für mich, genauso wie für viele Menschen, die vorher eine Heimat verlassen oder verloren haben, eine große Herausforderung. Bevor ich vor wenigen Jahren nach Deutschland kam, habe ich fast mein ganzes Leben in meiner Heimat im Iran  verbracht. Das Wort „Heimat“ hat jetzt eine doppelte Bedeutung für mich und ich fühle mich dafür verantwortlich, dieses Thema mit besonderer Beachtung zu behandeln, damit die  Menschen wie ich, die ihre Ideale, Wünsche und Träume selbst ins Auge gefasst haben oder notgedrungen in einem anderen Land ihre Heimat suchen, nicht entmutigt werden. Man sollte den Begriff Heimat losgelöst von nationalen und politischen Interessen betrachten. Da waren sich alle Teilnehmer der Diskussion einig. Muss überhaupt über Heimat gesprochen werden?  Meiner Meinung nach ist „Heimat“ kein theoretischer Begriff, sondern ein Gefühl. Der erste und wichtige Teil dieses Gefühls ist in der menschlichen Existenz, genauso wie das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit, das jeder Mensch in den Armen seiner Mutter hat. Der zweite und labilere Teil von diesem Gefühl hängt nicht allein von der Person selbst, von ihren Gefühlen und Zugehörigkeiten oder von ihren Erfolgen in einer Gesellschaft ab. Da spielt vielmehr die Tradition, die Bevölkerung sowie die Politik eine große Rolle. In dem Zusammenhang stellt sich mir die Frage: Müssen das Zuhause und das Heimatland überhaupt an demselben Ort liegen? Angesichts der Globalisierung der Gesellschaft lässt sich diese Frage besser beantworten. Heimat ist ein Ort, an den man nicht selbst ausgesucht hat, aber ein Ort an dem man sich wohl fühlt. Das Zuhause muss nicht unbedingt in dem Heimatland liegen, aber in dem könnte man sich wie in einer zweiten Heimat fühlen. Das wünscht sich wohl jeder Einwanderer, der seine Heimat aus welchen Gründen auch immer verlassen musste. Wir sollten, egal wo wir leben,Verantwortung für den anderen übernehmen und unseren neuen Mitbürgern ein Gefühl von Heimat bzw. Zuhause geben. Der Diskussionsabend zum Thema „Heimat“ hat mich auf die Idee gebracht, dass wir uns im Iran auch mehr engagieren müssten, den zugewanderten Arbeitern aus unseren Nachbarländern dieses Gefühl von Zuhause und ihren bei uns geborenen Kindern das Gefühl von Heimat zu geben.“

Text: Parva Ahmadi