Das war sie nun für dieses Jahr – die Saison der Speeldeel, der plattdeutschen Theatergruppe des Heimatvereins. Der geneigte Theaterbesucher erfuhr, was es mit „Willem sien Willen“ auf sich hatte. Die Szenerie: das Wartezimmer einer Landarztpraxis. Die Protagonisten: Der neue Arzt, seine Schwester, die Haushälterin und allerlei Dorfbewohner mit diversen Wehwehchen. Ungeplant war allerdings, dass sich eine der Schauspielerinnen fast als echte Patientin zur Sprechstunde angemeldet hätte.

Es war Freitagabend zur besten Theaterzeit – kurz vor halb Acht. Die Premierengäste hatten sich versammelt, rund ums Gemeindehaus Klein Borstel herrschte von Frühsommerwetter untermalte Vorfreude. Regisseur Manfred Thiele schlenderte mit der bekannt charmanten Nervosität durch die Reihen und begrüßte die Besucher. Was keiner ahnte, war, dass sich hinter dem Vorhang derweil ein kleines Drama abspielte. Friseurmeisterin Peggy Meinecke hatte in der Garderobe im ersten Stock bei allen schon für das passende Make-up und schicke Frisuren gesorgt. Das Schauspielvolk hatte sich umgezogen, machte sich bereit – in die eigene, individuelle Vorbereitung versunken. Auf einmal ein Rumms, ein Poltern, ein Wimmern. Barbara Hamann – in der Rolle der liebenswert-schrulligen Meta Klanke die Idealbesetzung – war auf einem Textbuch ausgerutscht und quasi mit Anlauf die Treppe runtergerauscht. Da lag sie nun wie ein verdrehtes Fragezeichen, hielt sich den Kopf und versuchte sich zu erinnern, wie sie heißt und wo sie sich befindet. Im Zuschauerraum hatten die Gäste bereits ihre Plätze eingenommen und wurden um einige Minuten Geduld gebeten.
Ein echter Arzt war dann gottlob doch nicht nötig – Barbara Hamann biss auf die Zähne und sammelte sich. Und auch die Schauspielkollegen verdauten diesen kleinen Schock, sodass einem erfolgreichen Bühnenspiel nichts mehr im Weg stand. Der Vorhang öffnete sich und gab den Blick frei auf eine – von René Lüben, Heiko Gloe und ihrem Team – wieder mit viel Liebe zum Detail gestaltete Bühne. Im Hintergrund ein Fenster, das den Blick freigab auf eine dörfliche Idylle. Doch dazu später noch mehr.
Gleich zu Beginn hatte Margit Lüben alias Haushälterin Anna Michels einen echten Mammut-Monolog zu bewältigen. Sie führte die Zuschauer ein in die Geschichte um das Erbe von Landarzt Willem, das seinen Neffen Dr.Jan Vahlefeldt (Sven Mamero) ins verschlafene Wümmstorf führt. Er hat die dortige Praxis seines verstorbenen Onkels dann aber doch sehr viel später geerbt, als das geplant war, und entsprechend knurrig tritt der neue Doc seine Arbeit dort an. Im Gepäck hat er seine Schwester Lisa (Birgit Vollstädt), die ihm als gelernte Krankenschwester zur Hand gehen soll. Bestandteil der geerbten Praxis ist auch die schon erwähnte Haushälterin Anna (Margit Lüben), die als rechte Hand des Verstorbenen alles und jeden genau kennt und stets mit Rat und Tat bereit steht – auch wenn dies gar nicht gewünscht ist. Und dann sind da natürlich noch ein Haufen Patienten, die meist mit eher eingebildeten Beschwerden im Wartezimmer nach Abwechslung und Klönschnack suchen. So gehört es für Meta (Barbara Hamann) und Theo (Norbert Bendfeldt) zum liebgewordenen Alltag, täglich dort die neusten Zeitungsmeldungen zu studieren. Die Titelseiten der „Wümme-Zeitung“, die zum Einsatz kommen, sind übrigens echte Originale, vom dortigen Verlag netterweise zugeschickt.
Die Witwe Mine Klasen (Petra Gangel) verspricht sich zwischen Wartezimmer und Untersuchungsraum eine neue, interessante Männerbekanntschaft. Während Gretchen (Jule Czupras) und Hannes (Frank Gajek) die Praxis eher als Zufluchtsort für ihre von Onkel Willy (Jürgen Lück) unverstandene Liebe aufsuchen. Der Einzige, der tatsächlich medizinische Hilfe benötigt, ist Jochen Petersen (Frank Bode). Der Reitstallbesitzer ist von seinem übermütigen Gaul „Romeo“ gefallen und bringt es sogar ohnmächtig fertig, das Herz von Lisa im Sturm zu erobern.
Letztlich kommt es, wie es in einem plattdeutschen Theaterstück einfach kommen muss. Nach allerlei Diskussion, Verwirrung und Geplänkel wendet sich am Ende alles zum Guten. Der neue Landarzt schließt Frieden mit seinem beruflichen Schicksal, Lisa bekommt Jochen, Gretchen den Hannes und ein Kind, Onkel Willy eine Lektion in Sachen Nächstenliebe und Meta und Theo eine sinnvolle Lebensaufgabe. Nur die Witwe Mine steht auch am Schluss noch ohne neuen Gatten da – aber dafür hat sie mit Abstand die schicksten Kleider an.

Das Stück „Willem sein Willen“ von Ina Nicolai ist keins, in dem alle drei Minuten ein Schenkelklopfer wartet. Umso schwieriger war es für die Darsteller der Speeldeel mit ihren Worten und Gesten die Komik zu schüren und für Lacher zu sorgen. Diese bekamen sie auch, denn lustig ist die Geschichte allemal. Außerdem ist es immer wieder ein Vergnügen, das Speeldeel-Stück zu sehen, das stets mit viel Liebe und Leidenschaft erarbeitet wird. Monate der Proben, des Textlernens, wechselnder Regieanweisungen – alles mit Höhen und Tiefen – liegen hinter dem Team. Dazu Wochen des Organisierens von Bühnenequipment und -garderobe, des Aufbaus von Bühne und Saal. Allein dafür gebührt allen viel Respekt und Applaus.